Fostering: Wie das MRWC eine Rehkitz-Mutter findet

Rehkitze, Foto: ©Denise Ott

Ich glaube, dass ich einen der faszinierendsten Momente der kanadischen Tierwelt bereits nach drei Wochen Aufenthalt erlebt habe: Das Auswildern der Rehkitze, bzw. das Finden einer Reh-Mutter, welche das verwaiste Baby aufnimmt.
Dieses „Aufnehmen“ ist nicht nur bei Rehen der Fall. Auch Vögel und viele Säugetiere nehmen verwaiste Kinder auf, kümmern sich um sie und ziehen sie wie ihre eigenen groß. Das ist definitiv ein Zeichen dafür, dass Tiere mehr sind als nur unbedeutende Lebewesen – sie haben genau so ein Einfühlungsvermögen und Bewusstsein für andere Tiere wie wir Menschen dies für andere Menschen haben. Einer der Gründe weswegen ich Tiere so liebe und ihnen in meiner Zeit hier im Medicine River Wildlife Centre ewas Gutes tun möchte.

Auf der Suche nach einer Pflegefamilie
Am Tag meiner Ankunft habe ich, wie bereits schon in dem Beitrag „endlich angekommen“ erwähnt, die Rehkitze treffen dürfen. Zu der Zeit befanden sich stolze sechs verwaiste Rehkitze in der Obhut des Centres. Jetzt, nur drei Wochen später, sind nur noch zwei übrig – für den Rest wurde erfolgreich eine neue Mutter gefunden.
Das „Fostering“ („Pflegefamilie suchen“) verläuft wie folgt:
Nachdem wir die verwaisten Tiere eine Zeit lang bei uns behalten und sie aufgepäppelt haben, sind sie nach geraumer Zeit gestärkt genug, um in die Wildnis entlassen zu werden. Hierbei sind wir auf die Hilfe der unzähligen Kontakte von Carol Kelly angewiesen. Leute berichten ihr, ob sie in der Nähe ihres Grundstücks Rehe mit ihren Babys gesehen haben. Sollte dies der Fall sein, dann ist dies ein geeigneter Ort, um einen Versuch zu starten. Hierbei ist jedoch wichtig zu beachten, wie viele Kinder die Mutter bereits hat! Wenn klar ist, dass sie bereits zwei pflegt, dann wäre es ihr und den Rehkitzen nur eine Last, noch ein drittes aufzunehmen. Sie wäre nicht in der Lage genügend Milch herzustellen, damit alle satt werden.

Hilferuf in den Wald
Um den Kontakt zwischen den gesichteten Rehen und unserem Rehkitz herzustellen benötigen wir das Aufnahmegerät, auf dem sich Hilferufe eines Rehkitzes befinden. Es wird „Play“ gedrückt und ein lauter Schrei ist durch den ganzen Wald zu hören. Daraufhin können zwei Szenarien eintreten:

1. Es passiert leider gar nichts und keine Reh-Mutter erhört den Schrei.
2. Eine Reh-Mutter hört den Schrei und kommt angerannt, schnauft laut, stampft mit den Füßen auf den Boden und gibt so das Zeichen, dass sie das Kleine aufnehmen möchte.

Dann muss alles ganz schnell gehen: Das Rehkitz muss aus seiner Box geholt werden, ein Stück auf seine neue Mutter zugetragen und frei gelassen werden. Wir müssen nun mit dem Truck schnell verschwinden, um das Kennenlernen nicht zu stören. Nach etwa zehn Minuten fahren wir noch Mal zurück an die Stelle, um sicher zu gehen, dass die Mutter das Kind auch wirklich aufgenommen hat und beide verschwunden sind. Leider habe ich vom „Fostering“ selbst keine Bilder, da das Reh meist so dicht hinter den Bäumen heraus kam, dass ich aus dem Truck keine guten Bilder machen konnte. Außerdem wollte ich das erste Treffen der neuen Familie nicht unnötig stören.

Manchmal braucht man Geduld
Leider tritt allerdings auch das oben zuerst genannte Szenario sehr oft ein, also keine Reh-Mutter kommt aus dem Wald. Manchmal waren wir schon bis zu drei Stunden unterwegs, haben an 15 verschiedenen Stellen gehalten und nichts ist passiert. Doch unsere Geduld zahlt sich aus und auch wenn es mal länger dauert, spricht der Erfolg für uns: Nur noch zwei weitere Rehkitze sind in unserer Obhut und nur noch für eins müssen wir eine Mutter in der freien Wildbahn finden, denn eines hat leider keine Chance mehr auf ein Leben in der Wildnis und wird bald in den Zoo gebracht. Es wurde von Menschen wochenlang mit dem falschen Futter gefüttert, gestreichelt, wie ein Haustier behandelt und hat sich nun so sehr an Unsereins gewöhnt, dass es zu zutraulich geworden ist. Dies könnte für das Tier in der Wildnis tödlich sein. Es passiert leider oft, dass Menschen die Tiere falsch pflegen und sie dann „verzogen“ zu uns bringen. Bei der Fütterung der Rehkitze ist es zum Beispiel wichtig Masken zu tragen, nicht zu reden und sie vor allem nicht zu streicheln, damit sie Menschen nicht mit Futter in Verbindung bringen. So gehen wir hier im Centre mit ihnen um – auch wenn es natürlich manchmal schwer fällt.

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